Man kann nicht nicht boykottieren

Interessante Erfahrung gemacht heute: Durch Gespräche am Frühstückstisch mit meinen Teilnehmern, die gestern Abend WM und das Deutschland-Spiel geguckt haben, ist bei mir der Eindruck entstanden, dass mein Boykott Auswirkungen hatte. In der Schlußrunde des Seminars hat sich ein Teilnehmer so geäußert: „Das Seminar war toll, Jürgen, aber beim nächsten Mal schaust Du wieder mit Fußball, gell?!“ Es war natürlich auch humorvoll gemeint. Und dennoch hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass mein Verweigern direkte Auswirkungen auf jemanden hatte, der die WM anschaut. Bei mir kam ein Stück Unbehagen auf Seiten des Teilnehmers an, dass ich nicht dabei war. So als würde meine Abwesenheit etwas in Frage stellen. Alles nur meine Fantasie, denn gefragt habe ich ihn nicht. Wär aber eigentlich interessant gewesen, fällt mir gerade ein…
Sonst habe ich dazu ja eher kein direktes Feedback, hier im Blog ist es auch still, von daher weiß ich nicht, wie mein Nicht-Schauen auf andere wirkt. Aber im Grunde wußte ich das beim Schauen in der Vergangenheit ja auch nicht…
Im Moment steht das aber auch gar nicht im Vordergrund: Ich empfinde es gerade eher als ein Selbsterfahrungsexperiment in Sachen Muster- und Gewohnheitsunterbrechung. Mit diesem Fokus gewinne ich doch ein paar recht interessante Erkenntnisse über mich selbst und mein Konsumverhalten. Außerdem tut es gut vor mir selber mitzukriegen, dass ich auf etwas verzichten kann, was mir erst mal unverzichtbar vorkam. Bringt ein schönes Gefühl von mehr Freiheit mit sich.

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2 Kommentare

  1. Lieber Jürgen,

    ich versuche immer wieder mal deinen Boykott-Blog zu verfolgen und bin erstaunt, daß bisher so wenig Kommentare zu deinem Experiment zu lesen sind.
    Jetzt weißt du ja, daß ich dein komplementäres „Anderes-Ich“ darstelle, das du bemüht bist, aus deiner früheren Fußballer-Seele zu eliminieren.

    4 Wochen Ausnahmezustand, Zeitungen liegen ungelesen herum, Bücher setzen einen Gelbstich an, da sie nicht weiter umgeblättert werden, Arbeitsvor- und nachbereitungen werden auf ein Minimum konzentriert, Gespräche verdichten sich auf das vermeintlich wesentliche: „Wieso konnte er nur diesen Elfmeter übersehen?“
    Ja, ich genieße diese weltpoitische Emigration auf begrenzte Dauer, genieße es, dem globalisierten Gefühl der Fußballnarren, daß ein frühes Tor wichtiger sein könnte als ein Krieg im Irak, teilzunehmen.
    ich freue mich, morgen zum Spiel gegen die USA ein paar nette Menschen zum gemeinsamen WM-Gucken und Blödeln, um mich zu versammeln.

    Dein Boyko0tt läßt mich nicht unberührt, die Fehlentwicklungen des kommerzialisierten Heroen-Wahnsinns auf zweifarbigen Schuhen teile ich vollkommen, Fußball als Opium des Volkes, da bin ich voll dahinter, Milliarden, die woanders wesentlich dringender gebraucht würden… alles richtig.

    Aber ich fahre auch Auto, einen VW eines Globalkonzerns, telefonier mit einem apple-Phone, bestelle auch mal (schlechtes Gewissen!!!) was bei amazon und trinke, um mich beim Autofahren wach zu halten, auch mal ne Cola. Also ich komme nicht ganz, trotz heftigen Bemühens , um die Kommerzialisierung wesentlicher Lebensbereiche herum.
    Blöde Frage: Wäre nicht ein Boykott der Fernsehgebühren (also eine Nichtüberweisung der GEZ-Gebühren) wirksamer als Protestform als selbstauferlegte Askese???

    Bei aller Wertschätzung für die Idee des Boykotts, warum gerade beim Fußball ansetzen? Ist doch ganz schön völkerverbindend, migrationsintegrationsfördernd, eine globale Sprache, anerkannter Ersatz für echte Kriege, macht einfach Spaß und ist spannend, wie wenig anderes, was in öfffentlichen Räumen medial oder direkt zelebriert wird. Manchmal gewinnen sogar die Armen gegen die Reichen, die Schwachen gegen die Übermächtigen – ist das nicht wunderschön???

    Also mein Vorschlag: du wohnst morgen dem Fußball-Spiel bei mir bei – nicht unter den paar Menschen, die sich vor der Glotze versammeln, die läßt du schreien. Du setzt dich ins Nebenzimmer und versuchst die Abstinenz in unmittelbarer Nähe zu ertragen.
    Nachher reflektieren wir aktiv, wie du auf die Schreier, und die auf dich gewirkt haben.

    Herzliche Anteilnahme an deinem Experiment

    Norbert

  2. Norbert, wie schön von Dir zu lesen, und dann noch so ausführlich – danke schön!
    Klasse Vorschlag von Dir, das Experiment mit dem Nebenzimmer. Ich hätte es sofort ausprobiert, bin aber im Moment in Fürth und komme erst am Freitag wieder nach Hause. Es wird sicher noch Gelegenheiten geben, mal sehen ob ich es mir dann auch wirklich antun will. Denn es war schon beim Spiel gegen Ghana nicht ganz einfach, aber das hab ich ja schon beschrieben.
    Was Du schreibst klingt alles recht plausibel, allein ich boykottiere auch nicht den Fußball an und für sich. Sondern das Produkt, das inzwischen von geldgierigen FIFA-Bossen und allen, die von deren Umtriebe profitieren, daraus gemacht worden ist. Und ich sehe nicht, wie sich diese beiden Dinge noch voneinander trennen lassen… Die WM und der Fußball haben die Unschuld, die Du sicher beim Schauen mit Freunden erlebst, schon seit längerer Zeit verloren. Ich liebe das Fußballspiel, den Wettkampf, die Dramatik, das gemeinsame Schauen im Freundeskreis. Ich vermisse es im Moment, das zu tun und werde es weiter vermissen, vor allem wenn die Deutschen sich im Turnier noch weiter voranarbeiten. Aber ich mache mich auch zum Teil eines Systems der Profitgier und Menschenverachtung, indem ich einfach weiter konsumiere und so tue als geht mich das alles nichts an. Lassen wir für einen Moment mal Brasilien auf der Seite und schauen nach Katar. Mindestens 40 Menschen sind schon auf den Stadionbaustellen für die WM 2022 gestorben. Gestorben, weil sie wie Sklaven behandelt werden. Es gibt Schätzungen, das bis 2022 ca. 4.000 (!) Menschen ihr Leben für den Bau von Fußballstadien gelassen haben werden.
    Es kann natürlich sein, dass die WM gar nicht in Katar stattfinden wird, weil die ganze Korruption im Vorfeld offenbar doch zu dreist war. Wenn das aber nicht der Fall ist und die WM fände trotz allem 2022 in Katar statt: Ich bin sicher dass ein Großteil der Fußballbegeisterten sich dennoch nicht davon abhalten ließe, Fußball zu schauen. Trotz des Wissens, wieviele Menschen dafür sterben mussten. Und darum geht es mir vor allem: Wir stellen unser Vergnügen, unseren Luxus, unsere Bequemlichkeit über humanistische Grundbedingungen und nehmen für unsere Unterhaltung all diese Opfer in Kauf.
    Und Du hast recht, ich mache das an anderen Stellen natürlich genau so. Und deshalb mache ich dieses Experiment. Ich will damit ein wenig aus meinem Schlaf aufwachen und mich wachrütteln für meine Verantwortung und für meinen bedenkenlosen Konsum auf dem Rücken von Menschen, die nicht so sehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen wie wir. Vielleicht muss der Boykott ja noch ausgeweitet werden. Ich starte halt jetzt mal hier und sehe, wohin mich das noch führen wird.
    Nebenbei bemerkt: Dein schlechtes Gewissen in Bezug auf Amazon ist angemessen 😉 und im Übrigen leicht zu kurieren: „Lass den Klick in Deiner Stadt“ war die Kampagne, die mich diesbezüglich aus dem Schlaf gerissen hat. Seitdem bestelle ich nur noch ganz wenige Produkte, die ich beim lokalen Buchhändler nicht bekomme, bei Amazon und alle meine Bücher beim Buchladen in meiner Stadt.
    Um es noch einmal zu betonen: Mein Boykott ist nichts Besonderes, und Du Norbert und viele andere handeln an anderen Stellen sicher weit verantwortungsbewusster und ökologischer als ich.
    Aber mein Entschluss ist ein Opfer und dieses Opfer lehrt mich gerade etwas über mich und die Welt, in der ich lebe. Ich lerne viel und ich bin froh darüber.

    Und Dir noch einmal ein herzliches Dankeschön für Deine Mühen und Deinen Impuls hier auf dem Blog!

    Mehr Licht,

    Jürgen

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