Zwischenfazit

imagineDie WM ist durch das Ende der Vorrunde und den Beginn der Hauptrunde ja in neue Phase eingetreten. Zeit auch für mich eine kleine Zwischenbilanz meines Boykotts zu ziehen:
Ich frage mich immer wieder, was passieren müsste, dass mehr Menschen eine solche Veranstaltung boykottieren würden. Oder wäre es völlig egal, was vorher passiert ist – wenn die Spiele erst einmal laufen, rückt das alles in den Hintergrund. Es muss sich also um einen sehr hohen Wert für viele Menschen handeln, die Spiele schauen zu dürfen. Welche Bedürfnisse werden da eigentlich befriedigt?

Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass der Fußball für viele Zuschauer eine Art Ersatzreligion geworden ist. In einer Zeit, in der die traditionellen Religionen immer weniger Zuspruch finden und viele mit den dort vermittelten Botschaften nichts mehr anfangen können, braucht es dennoch eine Möglichkeit, die von den Religionen erfüllten Bedürfnisse zu befriedigen. Das erste Mal bewusst geworden ist dieser Punkt mir vor ca .2 Jahren, als ich mit meinem Vater das erste Mal in meinem Leben bei einem Bundesligaspiel live vor Ort war. Die Menschenmassen im Stadion, die Fahnenträger, die Musik und das gemeinsam gesungene Vereinslied hatten in meinem Empfinden deutlich sakrale Züge. Es war Ergriffenheit zu spüren, emotionale Bewegtheit, die viele Menschen in diesem Moment ganz aufrichtig miteinander geteilt hatten. Dabei ging es „nur“ um ein Fußballspiel und „nur“ um Fußballvereine.
Ich denke in allererster Linie ist es das starke Bedürfnis nach Gemeinschaft, dass beim Fußball genährt wird. Das gemeinsame Schauen, das gemeinsame Fiebern, Mitleiden und Freuen bringt die Menschen zusammen. Das eigene Ich tritt ein wenig von der Bühne zurück und ein „Wir“ kommt mehr in den Vordergrund. „Wir (Deutschen) sind Weltmeister. Wir (Deutschen) haben verloren. Wir sind Papst (nun ja, andere Baustelle, aber gleiches Prinzip).“
In Zeiten des Fußballschauens findet offenbar ein starker Identifikationsprozess statt. Vorher fühle ich mich vielleicht gar nicht so als „Deutscher“ (oder „Italiener“), aber wenn die Mannschaften auf dem Feld sind, dann will ich doch dass Deutschland gewinnt. Ist doch klar! Oder??
Warum ist es denn überhaupt so wichtig, dass eine bestimmte Mannschaft gewinnt? Weil „wir“ dann besser sind als die anderen? Überlegener? Und warum bin ich eigentlich überlegener, wenn statt mir eine Mannschaft gewinnt, die aus Fußballmillionären besteht, deren Alltag so viel mit meinem zu tun hat, wie der Berliner Flughafen und seriöses Projektmanagement? Woher kommt eigentlich dieses starke Bedürfnis nach Identifikation? Ich nehme an, weil es uns ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, ein Gefühl von Stabilität in einer sonst sehr chaotischen, komplexen Welt. Wenn „wir“ Weltmeister sind (oder auch schon ins Achtelfinale Einzug halten), dann vergesse ich für kurze Zeit diese Komplexität und Unsicherheit und kann mich ein Stück sicherer fühlen, weil ich ja dazugehöre. Ich definiere mich dann auch durch Abgrenzung von anderen: Ich bin eben Deutscher und Du bist eben Algerier. Wir sind verschieden, Du gehörst nicht zu meiner Gruppe und ich nicht zu Deiner. Außerdem bin ich dann ein Gewinner, denn „wir“ haben ja gerade gezeigt, dass wir Siegertypen sind. Ich bin in meinem Alltag vielleicht gar keiner, aber jetzt darf ich mich auch – wenn vielleicht nur für kurze Zeit – als Sieger fühlen. Es ist, als könnte ich für kurze Zeit die eigene Begrenztheit verlassen und Teil von etwas Größerem werden und daran teilhaben, was dieses Größere in diesem Moment auszeichnet. Motive, die auch in den Religionen eine zentrale Rolle spielen.

Am Ende fällt mir ein Lied und dessen Text ein, das viele Menschen, die gerade Fußball schauen, wohl jederzeit mitsingen und sogar ergriffen davon sein würden. Wenn aber der Ball rollt, dann übernehmen andere Gefühle das Kommando.

Imagine (John Lennon)

Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

Imagine all the people
Living for today

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too

Imagine all the people
Living life in peace

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man

Imagine all the people
Sharing all the world

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

 

 

 

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Ein Kommentar

  1. Mein lieber Jürgen,
    du siehst,
    ich lasse dich noch nicht allein.
    Du beendest deinen Blog mit Imagine. Das rührt mich wirklich an, weil ich ihn so sehr liebe, den John. Und seine Botschaften.
    Sind wir mit dem Fußball so weit weg von ihm?
    Heute, Mexiko gegen Holland, ich habe so sehr den mir vollkommen fremden Mexikanern die Daumen gedrückt, und was war da noch letzte Woche??? Uruguay gegen unsere EU-Italiener. Ach habe mich wieder mal gefreut, als der underdog (auch wenn er aus Versehen mal zubeißen mußte) den Favoriten ärgerte. Das ist länder- und grenzübergreifende Freude. Und falls Costa Rica Weltmeister würde, fänd ich das eine friedensförderndere Botschaft als wenn wir Deutschen das schafften.
    Ich schätze mal, 99,5 % der Fußballzuschauer, würden wenige Stunden nach einer deutschen Niederlage ohne in tiefe Depressionen zu stürzen, wieder ihrem Leben nachgehen können. So fanatisch sind wir alle nicht (auch wenn manche gerne, wenn das Fernsehbild rüberschwenkt, in Jubelposen ausbrechen). ja, da gibt es ein paar wenige, die ihren Fanatismus mit dem echten Leben verwechseln, aber ich befürchte, bei den wirklichenh Religionen sind das weit mehr und deren fanatischen Auswüchse haben in der Geschichte schon immer Kriege ausgelöst und tun das noch immer.

    Was ist denn das attraktive von Religionen?
    Mensch erlebt ein Gemeinschaftsgefühl der intensiven Art.
    Das sehe ich bei den Fans von einzelnen Clubs wesentlich stärker als bei den Nationalmannschaften, also dieser WM.
    Ich schätze bei so einer WM mehr diese Art des Gemeinschaftsgefühls, wie ich es früher schon bei Bonanza hatte. Da konnten wir noch montags über die eine Sendung reden, die alle am Sonntag vorher gesehen haben mußten. Das war durchaus „Gemeinschaft“.Ich kann mit Menschen mal über ein gemeinsames Erlebnis reden, das zumindest im Ergebnis halbwegs objektivierbare Züge trägt: 3:1
    Mensch liebt Rituale:
    Diskussionen über Aufstellungen und über Fehler Jogis, über Schwächen und Stärken einzelner, dümmliche Kommentare von beschränkten Sportreportern oder Co-Kommentatoren.
    Das Bier in der Halbzeit, das Ausblenden der sonstigen Welt, die Fokussierung auf diese 90 Minuten. Das „Schreien-dürfen“ bei vergebenen Chancen. Diese Art von Ritualen bietet uns der Kick.

    Wo ist der Fußball wenig religiös?
    Das Sinnstiftende kann ich im Fußball wenig erkennen. Spaß, Abwechslung, Spannung, alls ja, aber Sinn? Für die doch verschwindend geringe Zahl von Menschen, deren Leben sich um Fußball dreht, die samstags schwadronierenden Fanclubs, die sich nachher zum Prügeln treffen, mag der Fußball etwas traurig-lebenssinnstiftendes haben, aber doch nicht für die genannten 99,5 %. Niederlage, ein Bier und dann lacht man drüber.
    Was noch in den Religionen fehlt?
    Diese intensiven menschlichen Gefühle – knappe Niederlage in letzter Minute, Außenseiter Costa Rica schlägt Italien, begeisterung nach grandiosem Tor, die sind echt, nicht gespielt, das erlebe ich meist als durchaus authentisch.
    Die Spannung: In 90 Minuten verdichten sich so viele Ereignisse, die nicht planbar oder vorhehsehbar sind.
    Da kommt Religion einfach nicht mit.

    Herzliche Grüße
    Norbert

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