Halbfinale

happiness

Jetzt im Moment startet das Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland. Für einen Fußballfan natürlich ein Hammerspiel – besser, spannender, interessanter wird´s nicht mehr, vermutlich nicht mal im Finale. Tja, und ich sitz hier an meinem Rechner, bin allein, statt in Gemeinschaft und voller Vorfreude und fiebriger Spannung am Fernseher zu sitzen und Fußball zu schauen. So ein Boykott kann schon ganz schön hart sein. Erst vor kurzem habe ich davon gehört, wie ein anfänglicher Mitboykottierer inzwischen umgefallen ist und jetzt doch wieder die Spiele anschaut. Ich kann es schon nachvollziehen. Ich kann das allerdings nicht: selbst, wenn ich es noch so gerne sehen würde, der Preis für mein Umfallen wäre zu hoch. Ich hätte das Gefühl, dass mein Experiment damit wertlos werden würde. Im Grunde ist es jetzt noch interessanter, je mehr sich die Situation in Brasilien zuspitzt, respektive die deutsche Mannschaft immer weiter kommt. Es steht im gewissen Sinne auch für mich immer mehr auf dem Spiel. Wären die Deutschen nach der Vorrunde rausgeflogen, wäre mein Boykott absolut leicht zu verschmerzen gewesen. Aber so, mit einem Halbfinale gegen Brasilien und womöglich noch einem Finale und… – herjeh, wer hätte das geahnt?! 🙂

Die Frage, warum ich das mache, wird so auch immer drängender. Was ist der tiefere Sinn meines Tun´s, meines Verweigerns dessen, was ich doch so gern habe, wofür ich mich so interessiere?
Ich denke, es ist jetzt vor allem eine Übung des Verzichts geworden. Ganz ohne politische Überlegungen und Fragestellungen. Die tangieren mich – wie wohl die meisten Zuschauer, die das Spiel gerade verfolgen – eigentlich im Moment gar nicht mehr. Sondern jetzt ist es vor allem die Ebene meines persönlichen Opfers, die zählt. Und was opfere ich eigentlich? Und wozu? –
Es klingt seltsam, aber ich glaube es hat etwas… (gerade erklingt über mir ein Torjubel, Deutschland scheint 1:0 zu führen! Ist natürlich schon ein bisschen Hardcore: ein Stockwerk über mir schauen Freunde das Spiel und ich bekomme es ziemlich hautnah mit)… es hat etwas mit Des-Illusionierung zu tun. Was benötige ich wirklich? Welche Rolle spielt Ablenkung, Vergnügen in meinem Leben und wie dicht ist der Schleier der Illusion, der mich gefangen hält?

Ich fühl mich fremd, weil ich gerade nicht dazu gehöre, mich selbst ausgeschlossen habe, das Vergnügen so vieler Menschen nicht teile, ihre Identifikation nicht mitmache. Gleichzeitig fühlt sich das ein wenig leichter an, ein wenig befreiter, losgelöster irgendwie. Als ob ein kleiner Blick hinter den Schleier möglich wird.
Was mir sonst so wichtig erscheint, ist plötzlich nichtig und klein. (Ups, wenn das mal nicht der gute alte Reinhard Mey ist!)
Ich kann wieder etwas von der Qualität spüren, wie es ist, auf etwas verzichten zu können und dass damit ein Gefühl von Freiheit einhergeht. Die Freiheit, die darin liegt, etwas nicht zu brauchen, unabhängig davon zu sein. Was brauche ich sonst noch nicht? Worauf ließe sich noch verzichten? Und welche Freiheitsgrade wären dadurch noch möglich? (jetzt ist es gerade wieder sehr turbulent im Wohnzimmer über mir, 22:23).

Ich spüre gerade auch, dass es die Gefühle sind, die mir fehlen – die Gefühle, die mit einem spannenden Fußballspiel einhergehen. Das Drama, die Spannung (wieder Schreie von oben), die Aufregung, das Fiebern. Die Gefühle haben einen großen Sog, sind ein großer Verführer. Und das wahrlich nicht nur im Bereich des Fußballschauens. Sich lebendig fühlen, sich spüren, am Leben sein, das Leben spüren in seinen Höhen und Tiefen. Ich glaube, auch darum geht es den Menschen beim Fußballschauen – sich selbst zu spüren und in einer Art Miniatur verschiedene Aspekte des Lebens nachzuempfinden, verkürzt, verdichtet, auf 90 Minuten heruntergebrochen. In einem Theaterstück, dass in diesem Moment Fußball heißt. Und im nächsten Moment ganz anders.
Möge mein Experiment dazu beitragen, dass mein persönlicher Schleier ein Stück gelüftet wird, ein Stück mehr Freiheit mit sich bringt, ein kleines bisschen mehr Stärke und Klarheit im Umgang mit dieser verführerischen Kulisse, die sich Leben nennt.

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