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Vier sind Helden

Dso_sehn_sieger_aus_155545er Titel der heutigen Bild-Zeitung („Ein neues Vier-Gefühl“) hat mich zur Schreibweise, nicht zur Überschrift selbst, inspiriert. Ja, sowas soll´s geben: Die Bild-Zeitung als Impulsgeber für Autoren! Was ich am Bild-Titel bemerkenswert finde, ist das Spiel mit dem Wort „Wir-Gefühl“ – es ist natürlich die Gemeinschaft der Deutschen damit angesprochen, und dass man ein Teil davon ist. Aber auch dass eben diese Deutschen so tolle Kerle sind, dass sie jetzt 4 Sterne auf dem Trikot haben (für vier gewonnene Weltmeister-Titel). Und dass es nicht diese Nationalmannschaft war, diese eine Fußballmannschaft, zusammengesetzt aus Fußballmillionären, die sich in ihrem Beruf schwindlig verdienen. Nein, es waren „vier“ alle! Also Du und ich auch. Und da bin ich jetzt bei meiner Überschrift: „Vier sind Helden“. 
Mir ist in der Nacht, in der Deutschland das Spiel gegen Argentinien gewonnen hat – ich lag schon im Bett, aber es war nicht zu überhören, dass es so passierte – klar geworden, dass es eine große Sehnsucht gibt, bei so einem Drama dabei zu sein und diese Spannung, dieses Gewinnenwollen, dieses Teil von etwas Größerem sein wollen hautnah zu erleben. Es ist mir gerade in dieser Nacht extrem schwer gefallen und ich habe auch Gefühle von Bedauern, Traurigkeit und Schmerz in mir vorgefunden. Es geht bei so einer WM auch darum, dem eigenen Leben Bedeutung zu verleihen. „Vier“ sind jetzt wer! Wir haben Macht. Wir haben Einfluss. Wir sind etwas Besonderes. – 
Sind wir natürlich nicht. Aber die Illusion wird sehr stark erzeugt. Deutschland ist Weltmeister. Nicht nur im Fußball. Sondern überhaupt so. Weltmeister halt. Die Bedeutsamsten der Bedeutsamen. 
Unsere Fußballer sind jetzt Helden, die gefeiert werden. Wir sehnen uns nach Helden. Warum eigentlich? Ich vermute, weil Helden uns einen Geschmack davon geben, was wir selbst gerne wären bzw. sein könnten. Wenn wir nur unsere Ängste ablegen und selber ein heldenhaftes Leben leben würden. Wozu sonst im Außen nach Helden gieren?
Ich selber profitiere nicht im Geringsten davon, dass Deutschland Fußballweltmeister ist. Vielleicht vom Gefühl her, dass ich mich besser, stärker fühle. Für eine Zeit zumindest. Bis der Alltag mich wieder hat. Und ich doch wieder vor meinen Fragen stehe. Fragen, die mich nicht loslassen oder nur für kurze Zeit. Für vier Wochen während einer Fußball-WM zum Beispiel. Eine Zeit, in der ich mich groß fühlen darf, wichtig, überlegen. Und sei es nur stellvertretend durch ein Paar Fußballer, die ein Spiel spielen namens Fußball. 
Irgendetwas daran ist lustig. 
Irgendetwas daran ist traurig. 
Irgendetwas daran ist verquer. 

Ich bin froh, dass jetzt erst mal wieder eine ruhigere, weniger von Fußball geprägte Zeit kommt. 

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Ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel

evictionsHeute auf Spiegel-Online den sehr schönen Artikel gelesen, der eine recht nüchterne Betrachtung vornimmt, welche Probleme mit Fußball gelöst werden können (die auf dem Platz) und welche nicht (der ganze Rest!). 
Es gibt ja immer wieder die Überlegung, dass Fußball völker- und nationenverbindende Kraft hat. Der Autor beschreibt gerade in dieser Hinsicht sehr aufmerksam, wie z.B. 1998 sehr viele schwarze Franzosen dazu beitrugen, dass Frankreich in eben diesem Jahr Weltmeister wurde. Wenig später brannten dann die französischen Vorstädte. Soviel zur These „Integrationskraft des Fußballs“.
Selbst wenn Deutschland Fußballweltmeister werden wird, wird aus Deutschland deshalb kein besseres Land, weder politisch noch kulturell. Der ganze WM Patriotismus verschleiert nur für eine kurze Zeitlang die Themen, die von der Politik und Kultur besetzt werden müssten. Deshalb ist Frau Merkel (Politiker im Allgemeinen) auch so fußballbegeistert und lässt sich gerne im Stadion blicken. Gewinnt die deutsche Mannschaft, steht ihre Politik in der öffentlichen Wahrnehmung auch gut da. Bis dann dem Rausch wieder die Ernüchterung folgt und nach den Spielen klar wird, wie viele Baustellen noch geblieben sind. 
Lassen wir also die Kirche im Dorf und sehen die Fußball-WM, als das, was sie ist: ein kurzfristiger Rausch, der von den alltäglichen Fragen ablenkt und sie für eine Weile vergessen macht. Ist ja auch nichts verwerfliches dabei.
Allein – der Preis, den einige Menschen dafür bezahlen müssen, dass wir für ein Weilchen abgelenkt sind, ist bemerkenswert hoch. Aber das interessiert während der Spiele ja niemanden, wie wir bereits wissen. Und danach vermutlich auch nicht. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. 

Nothing left to lose

freedoms_just-59167Es kommt, wie es kommen musste: Deutschland ist im Finale, und hat nach allem, was ich so mitbekomme gute Chancen Weltmeister zu werden. Ich muss jetzt nur noch ein Spiel durchhalten, dann habe ich es geschafft. Gut, es ist das Spiel der Spiele bei so einem Turnier, aber es ist nur noch eines, dann ist der Spuk vorbei. 
Man sieht jetzt in Brasilien ganz schön, wie groß inzwischen die Bedeutung des Fußballs auch in gesellschaftlich-politischer Hinsicht geworden ist. Eine Regierung wackelt, Menschen gehen jetzt wieder auf die Straße, um zu protestieren, eine ganze Nation wacht aus einem Rausch auf und ist extrem verkatert. Und da sag noch mal jemand, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun haben! Das ist ist eine lächerliche Schutzbehauptung von Sportlern, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht stellen wollen. Ähnlich argumentieren ja auch Wissenschaftler, die unabhängig von ethischen Fragen ihre Forschungen vorantreiben, weil sie sich nur als Forscher sehen. Den Umgang mit den Ergebnissen ihrer Forschung müssen bitte andere reglementieren. Ich glaube, dass uns diese Haltung enorme Schwierigkeiten bereitet. Wir brauchen mehr von einem Bewusstsein für Zusammenhänge und keinen isolierten Bereiche, die so tun, als hätten sie miteinander nichts zu tun: Wissenschaft, die gesellschaftliche Verantwortung ablehnt. Politik, die sich nicht für psychologische und spirituelle Fragen des Menschseins interessiert. Esoteriker, die so tun, als wären alle Wissenschaftler verblendet und dumm. Und so weiter uns so fort. Wir brauchen mehr Dialog zwischen diesen Teilbereichen, weil sie alle voneinander profitieren könnten. Stattdessen haben wir an vielen Stellen noch Arroganz und elitäres Denken. Aber zurück zum Thema. 
Mein Gott, ist der Fußball den Menschen wichtig! Bilder von trauernden Gesichtern, weinende Menschen, Gesichter voller Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Weil eine Fußballmannschaft ein Spiel verloren hat! Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Phänomen um eine extrem starke Projektionsdynamik handeln muss. Wir verlängern unsere Identität auf etwas außerhalb von uns, auf eine Fußballmannschaft, und sind dann glücklich, wenn sie gewinnt und weinen dann, wenn sie verliert. Aus der Ferne betrachtet mutet das in der Tat ein wenig absurd an. Aber es ist ein Mechanismus, der uns in vielen anderen Bereichen auch gefangen hält. Was ist denn bitte daran so traurig, wenn eine Fußballmannschaft verliert? Das kann doch nur so sein, weil ich mit ihr verliere, weil ich etwas verliere, was mir bedeutsam ist. Ein Gefühl von Stärke vielleicht? Ein Gefühl von Überlegenheit? Besser zu sein als andere? Ach, ich glaub, ich wiederhol mich. Aber dieser Einblick ist für mich im Moment schon extrem spannend, denn die Frage ist doch: Was lässt uns denn so stark im Außen nach solchen Identifikationsfiguren/symbolen suchen? Und welchen Mangel verdecken wir damit? Geht es darum unser Gefühl von Kleinheit irgendwie zu überspielen? Ist es eine Form der Transzendierung unseres kleinen Ich´s in etwas größeres? Funktioniert das nicht bei Religion genau so? – 
Auch das sind keine ganz neuen Gedanken hier im Blog, deshalb lasse ich es für heute mit diesen Betrachtungen gut sein. 
Übermorgen ist Finale. Dann spitzt sich die Energie noch einmal richtig zu. Ich werde da sein und beobachten, was es für Einsichten in diesen Stunden zu gewinnen gibt. Bald ist Schluss. Und es ist auch gut so. 

Halbfinale

happiness

Jetzt im Moment startet das Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland. Für einen Fußballfan natürlich ein Hammerspiel – besser, spannender, interessanter wird´s nicht mehr, vermutlich nicht mal im Finale. Tja, und ich sitz hier an meinem Rechner, bin allein, statt in Gemeinschaft und voller Vorfreude und fiebriger Spannung am Fernseher zu sitzen und Fußball zu schauen. So ein Boykott kann schon ganz schön hart sein. Erst vor kurzem habe ich davon gehört, wie ein anfänglicher Mitboykottierer inzwischen umgefallen ist und jetzt doch wieder die Spiele anschaut. Ich kann es schon nachvollziehen. Ich kann das allerdings nicht: selbst, wenn ich es noch so gerne sehen würde, der Preis für mein Umfallen wäre zu hoch. Ich hätte das Gefühl, dass mein Experiment damit wertlos werden würde. Im Grunde ist es jetzt noch interessanter, je mehr sich die Situation in Brasilien zuspitzt, respektive die deutsche Mannschaft immer weiter kommt. Es steht im gewissen Sinne auch für mich immer mehr auf dem Spiel. Wären die Deutschen nach der Vorrunde rausgeflogen, wäre mein Boykott absolut leicht zu verschmerzen gewesen. Aber so, mit einem Halbfinale gegen Brasilien und womöglich noch einem Finale und… – herjeh, wer hätte das geahnt?! 🙂

Die Frage, warum ich das mache, wird so auch immer drängender. Was ist der tiefere Sinn meines Tun´s, meines Verweigerns dessen, was ich doch so gern habe, wofür ich mich so interessiere?
Ich denke, es ist jetzt vor allem eine Übung des Verzichts geworden. Ganz ohne politische Überlegungen und Fragestellungen. Die tangieren mich – wie wohl die meisten Zuschauer, die das Spiel gerade verfolgen – eigentlich im Moment gar nicht mehr. Sondern jetzt ist es vor allem die Ebene meines persönlichen Opfers, die zählt. Und was opfere ich eigentlich? Und wozu? –
Es klingt seltsam, aber ich glaube es hat etwas… (gerade erklingt über mir ein Torjubel, Deutschland scheint 1:0 zu führen! Ist natürlich schon ein bisschen Hardcore: ein Stockwerk über mir schauen Freunde das Spiel und ich bekomme es ziemlich hautnah mit)… es hat etwas mit Des-Illusionierung zu tun. Was benötige ich wirklich? Welche Rolle spielt Ablenkung, Vergnügen in meinem Leben und wie dicht ist der Schleier der Illusion, der mich gefangen hält?

Ich fühl mich fremd, weil ich gerade nicht dazu gehöre, mich selbst ausgeschlossen habe, das Vergnügen so vieler Menschen nicht teile, ihre Identifikation nicht mitmache. Gleichzeitig fühlt sich das ein wenig leichter an, ein wenig befreiter, losgelöster irgendwie. Als ob ein kleiner Blick hinter den Schleier möglich wird.
Was mir sonst so wichtig erscheint, ist plötzlich nichtig und klein. (Ups, wenn das mal nicht der gute alte Reinhard Mey ist!)
Ich kann wieder etwas von der Qualität spüren, wie es ist, auf etwas verzichten zu können und dass damit ein Gefühl von Freiheit einhergeht. Die Freiheit, die darin liegt, etwas nicht zu brauchen, unabhängig davon zu sein. Was brauche ich sonst noch nicht? Worauf ließe sich noch verzichten? Und welche Freiheitsgrade wären dadurch noch möglich? (jetzt ist es gerade wieder sehr turbulent im Wohnzimmer über mir, 22:23).

Ich spüre gerade auch, dass es die Gefühle sind, die mir fehlen – die Gefühle, die mit einem spannenden Fußballspiel einhergehen. Das Drama, die Spannung (wieder Schreie von oben), die Aufregung, das Fiebern. Die Gefühle haben einen großen Sog, sind ein großer Verführer. Und das wahrlich nicht nur im Bereich des Fußballschauens. Sich lebendig fühlen, sich spüren, am Leben sein, das Leben spüren in seinen Höhen und Tiefen. Ich glaube, auch darum geht es den Menschen beim Fußballschauen – sich selbst zu spüren und in einer Art Miniatur verschiedene Aspekte des Lebens nachzuempfinden, verkürzt, verdichtet, auf 90 Minuten heruntergebrochen. In einem Theaterstück, dass in diesem Moment Fußball heißt. Und im nächsten Moment ganz anders.
Möge mein Experiment dazu beitragen, dass mein persönlicher Schleier ein Stück gelüftet wird, ein Stück mehr Freiheit mit sich bringt, ein kleines bisschen mehr Stärke und Klarheit im Umgang mit dieser verführerischen Kulisse, die sich Leben nennt.

Hinweis auf mehrere neue Kommentare

imageHeute mal nur der Hinweis auf mehrere neue Kommentare zu vergangenen Beiträgen. Man sieht es unterhalb des Artikels, ob der Beitrag einen oder mehrere Kommentare hat. (Danke auch, liebe KommentatorInnen, ist mir eine große Freude Eure Ideen zu verfolgen!)
Und ja, der Blog geht weiter, Deutschland ist im Halbfinale gegen Brasilien, das Schicksal lässt meinen Boykott in neue Dimensionen vorstoßen: dass ich mal völlig absichtlich ein WM Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien nicht anschauen würde, hätte ich auch nicht gedacht…

Gewinnen – egal wie

mfc_sm_best_team_winNa, das ist doch mal eine ehrliche Aussage, diesmal von Frau Merkel höchstpersönlich (gesehen hier) bzw. Ihres Pressesprechers: „Sie wünscht sich, dass die Mannschaft gewinnt, egal wie.“

Ja, um´s Gewinnen geht es offenbar beim Fußball, bei der WM und auch sonst überall. Denn nur das Gewinnen zählt. Alles andere ist ja auch was für Loser, Warmduscher und Frauenversteher. Ob ein Spiel schön ist oder nicht: Hauptsache, wir kommen weiter!

Diese Mentalität hat mir – unabhängig vom WM-Boykott – noch nie gefallen und wird es auch in diesem Leben nicht mehr schaffen. Es bedeutet doch auch, dass nicht derjenige gewinnen möge, der besser ist, sondern den man aufgrund seiner Nationalität bevorzugt. Was soll das?! Ein Gewinn, der nicht verdient ist, nur um des Gewinnens willen? Was gewinnt man denn da? Auf jeden Fall keine Freude über die eigene Leistung. Aber was ist es denn dann, was Menschen nach dem Sieg greifen lässt, unabhängig davon, wie verdient sie ihn haben oder auch eben nicht? Besser dazustehen, als man in Wirklichkeit ist. Es muss sich um ein verkapptes Gefühl von Minderwertigkeit handeln denke ich, denn sonst könnte man doch dem anderen – wenngleich man natürlich selbst auch gerne gewonnen hätte, das ist doch verständlich – den Sieg gönnen in der ehrlichen Anerkennung: „Du warst heute der Bessere!“

Aber nein: Am Ende soll schließlich Deutschland Weltmeister werden, egal wie!
Und so was von einer Frau, die uns regiert, hmpf. Nun ja, sie vertritt vermute ich die Meinung des größten Teils der Zuschauer.

Deshalb ist mein Motto für heute, gestern und für alle Zeiten: che vinca il migliore – Möge der Bessere gewinnen!

 

 

 

Gleich-gültig

Interessante Erfahrung, neu: Gestern war Deutschlandspiel, ich lag schon bald im Bett und weiß auch jetzt am Tag danach noch nicht, wie das Spiel ausgegangen ist und es interessiert mich auch gar nicht besonders. Hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht gedacht, dass ich so gleich-gültig darauf reagieren könnte.

Mir scheint, dass meine Fußballbegeisterung auch unheimlich angeheizt wird durch das mediale Dauerfeuer. Seit ich mich auch diesen Kanälen einigermassen konsequent verweigere, greift das Fußballfieber nicht so stark nach mir. Erleichternd.

Zwischenfazit

imagineDie WM ist durch das Ende der Vorrunde und den Beginn der Hauptrunde ja in neue Phase eingetreten. Zeit auch für mich eine kleine Zwischenbilanz meines Boykotts zu ziehen:
Ich frage mich immer wieder, was passieren müsste, dass mehr Menschen eine solche Veranstaltung boykottieren würden. Oder wäre es völlig egal, was vorher passiert ist – wenn die Spiele erst einmal laufen, rückt das alles in den Hintergrund. Es muss sich also um einen sehr hohen Wert für viele Menschen handeln, die Spiele schauen zu dürfen. Welche Bedürfnisse werden da eigentlich befriedigt?

Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass der Fußball für viele Zuschauer eine Art Ersatzreligion geworden ist. In einer Zeit, in der die traditionellen Religionen immer weniger Zuspruch finden und viele mit den dort vermittelten Botschaften nichts mehr anfangen können, braucht es dennoch eine Möglichkeit, die von den Religionen erfüllten Bedürfnisse zu befriedigen. Das erste Mal bewusst geworden ist dieser Punkt mir vor ca .2 Jahren, als ich mit meinem Vater das erste Mal in meinem Leben bei einem Bundesligaspiel live vor Ort war. Die Menschenmassen im Stadion, die Fahnenträger, die Musik und das gemeinsam gesungene Vereinslied hatten in meinem Empfinden deutlich sakrale Züge. Es war Ergriffenheit zu spüren, emotionale Bewegtheit, die viele Menschen in diesem Moment ganz aufrichtig miteinander geteilt hatten. Dabei ging es „nur“ um ein Fußballspiel und „nur“ um Fußballvereine.
Ich denke in allererster Linie ist es das starke Bedürfnis nach Gemeinschaft, dass beim Fußball genährt wird. Das gemeinsame Schauen, das gemeinsame Fiebern, Mitleiden und Freuen bringt die Menschen zusammen. Das eigene Ich tritt ein wenig von der Bühne zurück und ein „Wir“ kommt mehr in den Vordergrund. „Wir (Deutschen) sind Weltmeister. Wir (Deutschen) haben verloren. Wir sind Papst (nun ja, andere Baustelle, aber gleiches Prinzip).“
In Zeiten des Fußballschauens findet offenbar ein starker Identifikationsprozess statt. Vorher fühle ich mich vielleicht gar nicht so als „Deutscher“ (oder „Italiener“), aber wenn die Mannschaften auf dem Feld sind, dann will ich doch dass Deutschland gewinnt. Ist doch klar! Oder??
Warum ist es denn überhaupt so wichtig, dass eine bestimmte Mannschaft gewinnt? Weil „wir“ dann besser sind als die anderen? Überlegener? Und warum bin ich eigentlich überlegener, wenn statt mir eine Mannschaft gewinnt, die aus Fußballmillionären besteht, deren Alltag so viel mit meinem zu tun hat, wie der Berliner Flughafen und seriöses Projektmanagement? Woher kommt eigentlich dieses starke Bedürfnis nach Identifikation? Ich nehme an, weil es uns ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, ein Gefühl von Stabilität in einer sonst sehr chaotischen, komplexen Welt. Wenn „wir“ Weltmeister sind (oder auch schon ins Achtelfinale Einzug halten), dann vergesse ich für kurze Zeit diese Komplexität und Unsicherheit und kann mich ein Stück sicherer fühlen, weil ich ja dazugehöre. Ich definiere mich dann auch durch Abgrenzung von anderen: Ich bin eben Deutscher und Du bist eben Algerier. Wir sind verschieden, Du gehörst nicht zu meiner Gruppe und ich nicht zu Deiner. Außerdem bin ich dann ein Gewinner, denn „wir“ haben ja gerade gezeigt, dass wir Siegertypen sind. Ich bin in meinem Alltag vielleicht gar keiner, aber jetzt darf ich mich auch – wenn vielleicht nur für kurze Zeit – als Sieger fühlen. Es ist, als könnte ich für kurze Zeit die eigene Begrenztheit verlassen und Teil von etwas Größerem werden und daran teilhaben, was dieses Größere in diesem Moment auszeichnet. Motive, die auch in den Religionen eine zentrale Rolle spielen.

Am Ende fällt mir ein Lied und dessen Text ein, das viele Menschen, die gerade Fußball schauen, wohl jederzeit mitsingen und sogar ergriffen davon sein würden. Wenn aber der Ball rollt, dann übernehmen andere Gefühle das Kommando.

Imagine (John Lennon)

Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

Imagine all the people
Living for today

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too

Imagine all the people
Living life in peace

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man

Imagine all the people
Sharing all the world

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

 

 

 

Kommentarfreier Tag

imageVon irgendwoher habe ich heute gehört, dass es ein spielfreier Tag bei der WM ist und so fühlte es sich heute auch für mich an: bin einverstanden mit allem, mit meinem Experiment und den Erfahrungen damit. Nur dass das heute alles keine große Rolle gespielt hat. WM oder nicht WM, eigentlich ziemlich egal…

Während der Spiele wollen die Menschen die Spiele sehen

imageHeute hat Deutschland gespielt, ich bin noch in Zirndorf, überall Public Viewing und Public Huping. Scheint’s, die Deutschen haben gewonnen, wie hoch: Ich weiß es nicht. Jetzt wird es natürlich enger, Deutschland hat nach dem Ausscheiden von England, Spanien und Italien (Angstgegner!) gute Chancen im Turnierverlauf noch recht weit zu kommen (woher ich das weiß? Weil ich manchmal immer noch Zeitung lese, egal welche, und man nahezu zwangsläufig darüber stolpert). So ein Mist! 🙂 Ausgerechnet, wenn ich mal eine WM boykottiere… Der Fußball-Fan in mir leidet, der experimentierfreudige Teil sagt sich: Jetzt wird es doch erst richtig interessant.

Haben sich eigentlich schon immer so viele Leute für Fußball interessiert? Oder haben wir es bei der Massenbegeisterung mit der Auswirkung gezielter Marketingkampagnen zu tun? Verstehen die eigentlich alle was von Fußball? Jemals selber gespielt? Oder handelt es sich eher um den RTL-Formel-1-Effekt? Früher hat sich keine Sau für Formel-1 interessiert, bis ein paar gewiefte Marketingexperten einen Markt geschnuppert haben und ihn gezielt in’s öffentliche Bewußtsein gedrückt haben. Oh, Du selige Konsumgesellschaft – lässt Du Dir alles verkaufen, Hauptsache, es wird nur häufig genug auf allen möglichen Kanälen in Deine Sinneskanäle hineingepumpt? Ist Repetition wirklich das einzige Geheimnis, um den Massen das Gehirn zu waschen?

In knapp 2 Wochen wird die WM vorbei sein, alle offenen Fragen werden dann weiterhin offen sein. Wir aber haben dann eine vergnügliche Zeit hinter uns, in der die Fragen nicht ganz so drängend empfunden wurden. Dass muss reichen.
Uns abzulenken sitzt als Bedürfnis so tief in uns. Warum eigentlich? Wovor lenken wir uns ab? Was macht die Conditio humana so bedrohlich, dass wir ihr immer und immer wieder entfliehen (müssen), sei der Preis auch noch so hoch?
Es bleiben noch ein paar Tage, um diesen Fragen nachzuspüren.

Und, auch klar: Je weiter die X kommen (bei X jedes beliebige Teilnehmerland der WM einsetzen), desto uninterssanter werden die Überlegungen zu den Hintergründen und Protesten im Land X. So hat es bspws. eine brasilianische Politikerin kommentiert (Zitat Handelsblatt, 26.6.): „Das ist nicht mehr der Moment für Proteste. Während der Spiele wollen die Menschen die Spiele sehen. Das ist natürlich“, sagt die linke Präsidentschaftskandidatin der Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL), Luciana Genro.

Lass die Brasilianer früh ausscheiden und die Proteste könnten wieder aufleben, so zumindest die Überlegungen von einigen Beobachtern der Stimmung in Brasilien.
Aber Fußball/Sport und Politik haben nun wirklich nichts miteinander zu tun!

Für Brot, für Spiel, gegen Spiele

Jürgen