Medienfasten

Ursprünglich wollte ich ja „nur“ auf das Fernsehen der WM verzichten. Bis mir dann klar wurde, dass es ein wenig seltsam wäre, die WM zwar an der Mattscheibe zu boykottieren, dann aber vielleicht stundenlang über den Zeitungs- und Internetberichten über die Spiele zu hängen. So habe ich meinen Boykott auch auf andere Medien ausgeweitet und lese die z.T. gerade überhaupt nicht oder nur ganz gezielt um den Sportteil herum. Ich habe z.B. die Mainpost „abbestellt“, d.h. ich bekomme sie bis zum Ende der WM von meinen lieben Nachbarn nicht mehr zugesteckt. Die Online-Medien versuche ich auch gerade eher zu umgehen, so dass ich so wenig wie möglich mit Berichten, Fotos, Videos, etc. rund um die WM konfrontiert werde. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen auch recht angenehm. Es ist ein bißchen wie im Urlaub – wenn man nach einiger Zeit merkt, dass man zwar gar nichts mehr vom Weltgeschehen mitbekommt, es aber auch keine große Rolle spielt, dass das so ist. Im Gegenteil, es fühlt sich meistens ja ruhiger an, irgendwie gelassener. Und genau dieser Effekt stellt sich bei mir auch ein. Die Aufmerksamkeit wird von den Medien schon extrem gefesselt und natürlich auch Meta-programmiert – was ist wichtig (deren Meinung nach), was ist interessant (deren Meinung nach), was ist…(deren Meinung nach)?

Und was ist wichtig, meiner Meinung nach? –

Darüber habe ich jetzt ja noch eine ganze Menge Zeit ausführlicher nachzudenken. TGINWM, know that? 

Die FIFA ruiniert den Fußball

Hier ein interessanter Aufruf in Form einer Online-Petition mit einigen für mich nachvollziehbaren Aspekten: http://www.change.org/de/Petitionen/meine-gez-gebühr-nicht-an-die-fifa-mafia Schon verrückt, wie viel Geld im Spiel ist, wenn der Ball rollt. Und wieviele Leute daran mitverdienen, dass Menschen Fußball schauen wollen. Warum ist dieses Spiel so viel Geld wert? Woher kommt die Lust der Menschen fast ohne Rücksicht auf die Rahmenbedingungen diesem Vergnügen zu frönen? – Mit ein wenig Abstand betrachtet kommt es mir immer seltsamer vor, dass ich selber früher so tief in die Faszination hineingezogen wurde. Man wird natürlich auch von allen Seiten damit bombardiert, Reize ohne Ende, die einen zum Schauen verführen wollen. Ich lese im Moment auch ganz bewußt keine Zeitungsbeiträge und Internet-Artikel zur WM, Fernsehen schaue ich ohnehin nicht, denn ich habe gar keinen. So fern der ganzen Medienmaschinerie ist der Fußball und die WM plötzlich nur ein Hintergrundrauschen, das in ein paar Tagen schon wieder nur Staub im Wind sein wird. Ein große Blase, eine schillernde Illusion, der wir so gerne für ein paar Wochen verfallen und uns ihn ihr verlieren wollen. Kann man machen, muß man aber nicht.

Noch interessant für mich: Ich höre von immer mehr Menschen, die eigentlich Fußballfans sind wie ich, die dieses Mal aber gesagt haben: So geht es nicht weiter und die WM boykottieren. Oder nehm ich sie jetzt erst wahr? Energy flows where attention goes.

Man kann nicht nicht boykottieren

Interessante Erfahrung gemacht heute: Durch Gespräche am Frühstückstisch mit meinen Teilnehmern, die gestern Abend WM und das Deutschland-Spiel geguckt haben, ist bei mir der Eindruck entstanden, dass mein Boykott Auswirkungen hatte. In der Schlußrunde des Seminars hat sich ein Teilnehmer so geäußert: „Das Seminar war toll, Jürgen, aber beim nächsten Mal schaust Du wieder mit Fußball, gell?!“ Es war natürlich auch humorvoll gemeint. Und dennoch hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass mein Verweigern direkte Auswirkungen auf jemanden hatte, der die WM anschaut. Bei mir kam ein Stück Unbehagen auf Seiten des Teilnehmers an, dass ich nicht dabei war. So als würde meine Abwesenheit etwas in Frage stellen. Alles nur meine Fantasie, denn gefragt habe ich ihn nicht. Wär aber eigentlich interessant gewesen, fällt mir gerade ein…
Sonst habe ich dazu ja eher kein direktes Feedback, hier im Blog ist es auch still, von daher weiß ich nicht, wie mein Nicht-Schauen auf andere wirkt. Aber im Grunde wußte ich das beim Schauen in der Vergangenheit ja auch nicht…
Im Moment steht das aber auch gar nicht im Vordergrund: Ich empfinde es gerade eher als ein Selbsterfahrungsexperiment in Sachen Muster- und Gewohnheitsunterbrechung. Mit diesem Fokus gewinne ich doch ein paar recht interessante Erkenntnisse über mich selbst und mein Konsumverhalten. Außerdem tut es gut vor mir selber mitzukriegen, dass ich auf etwas verzichten kann, was mir erst mal unverzichtbar vorkam. Bringt ein schönes Gefühl von mehr Freiheit mit sich.

Haltung trotz Masse

Heute ist das Ganze schon nicht mehr ganz so einfach: bin im Odenwaldinstitut auf Seminar, meine Teilnehmer gucken ein Zimmer weiter das Spiel gegen Ghana, ich höre ihre Jubelschreie. In der ersten Halbzeit war ich spazieren, in der Natur rückt der ganze Bohei ein ganzes Stück in den Hintergrund. Aber so nah dran zu sitzen ist natürlich nochmal etwas anderes. Mir fällt wieder mal auf, dass es bei einer solchen WM auch stark um die Gemeinschaft geht, mit der man zusammen schaut. Erst in Gesellschaft wird das Ganze zu einem wirklichen Ereignis.

Heute zwischendurch Zweifel an meinem Boykott und dessen Sinnhaftigkeit gehabt. Es machen doch schließlich (fast) alle, dann kann es doch nicht so verkehrt sein. Was mich zu der Frage geführt hat, wie schwierig es sein kann, entgegen dem Mainstream eine eigene Haltung zu finden. Eine eigene Position vertreten, wenngleich sie von vielen anderen Menschen anders vertreten wird. Und das meine ich explizit nicht alleine auf eine Fußball-WM bezogen, sondern auch für andere populäre Haltungen und Gewohnheiten. So z.B. dass offenbar immer mehr Menschen bedenkenlos per Flugzeug verreisen, auch kurze Strecken und wenn es sein muss auch mehrmals pro Jahr. So viele Menschen machen das so selbstverständlich, dass es einem schon fast ein wenig verquer vorkommt, wenn man es aus ökologischen Gründen in Frage stellt. Der Haltung der Masse etwas entgegenzusetzen ist wirklich nicht leicht. Es bedarf einer starken inneren Position, wie ich gerade feststellen muss. Und es steht hier in diesem Fall so gut wie nichts auf dem Spiel. Was, wenn von einer solchen Haltung Menschenleben abhängen, das eigene oder das von anderen?

Heute mal keine Chips

Mir kam in den letzten Tagen ein paar Mal das Bild vom Chips-Essen als Analogie des Fußball-WM schauens. Niemand braucht das wirklich, es kann aber ziemlich gut schmecken und ein wenig süchtig macht das Zeug auch. Am Ende hat man dann manchmal so viel davon gegessen, dass man anschliessend fast eine Art Kater hat. Nun, wo ich ja gerade keine „Chips esse“ merke ich, dass mir eigentlich gar nichts fehlt.
Ich bin gerade recht zufrieden mit dem Verlauf des Experiments WM-Boykott: mein sonst so (von mir und meinem Medienkonsumverhalten) künstlich hochgezüchtetes Interesse läuft zur Zeit auf sehr kleiner Flamme. Ich vermisse nichts, weiß aber immer noch nicht, wie das weitergeht, wenn die deutsche Mannschaft von Sieg zu Sieg eilt. Von einem Mit-Boykottierer, der wie ich auch eigentlich sehr gern Fußball schaut, habe ich gehört, dass er sich diesmal wünscht, dass die Deutschen möglichst früh ausscheiden! 🙂 Auch eine interessante Strategie, nicht wahr? Ich konnte sie sogleich nachempfinden: Wenn ich schon nicht mitfiebern kann, dann sollen die anderen wenigstens auch nichts davon haben. Ist wie manchmal am Ende einer Beziehung: wenn der andere einen nicht mehr als Partner haben will, dann soll es ihm/ihr aber bitte ohne mich auch nicht gut gehen.
Wir sind häufig so eingesperrt in unser kleines Universum, in dem sich alles um ICH dreht…Der Fußball scheint da trotz aller Identifikationsbekunden mit einer Nation keine Ausnahme zu machen. Wir sind vielleicht trotz der ganzen Fahnen und Deutschland-Rufe mehr mit uns selbst identifiziert als mit irgendetwas anderem…

Hype, Hyper, Hyperissimo

fanartikelMit dem durch den Boykott gewonnenen Abstand und damit veränderten Blick auf die ganze Szenerie fällt mir stark auf, wie sich der ganze WM-Zirkus gegenseitig hochschaukelt – die FIFA hat den Goldesel erfunden, vor Ort verdienen die Baufirmen und Immobilienhaie dickes Geld, die Medien (Internet, Radio, Zeitungen, Fernsehen) berichten ohne Ende über die WM, im TV laufen die Spiele, die Industrie freut sich, weil sie jetzt Accessoires, Fähnchen, Trikots, Bier und was weiß ich noch alles verkaufen kann und beim Public-Viewing machen die Gastwirtschaften auch noch mal einen schönen Reibach. Alle freuen sich über steigenden Umsatz und haben ein Interesse daran, das Ganze durch immer noch mehr Medien-Präsenz hochzujazzen. Man spielt sich gegenseitig den Ball zu – sic! – und freut sich gemeinsam über steigende Umsatzzahlen. Ham doch alle was davon, oder?
Interessant ist für mich, dass ich früher – bei meinen letzten WM-Erfahrungen – überhaupt kein Bewusstsein für diese Maschinerie hatte bzw. dass es mir ziemlich gleichgültig war. Ich wollte bei meiner Unterhaltung einfach nicht gestört werden.
Jetzt, wo sich meine Perspektive verändert hat, kommt mir das alles ein wenig seltsam vor, ein wenig künstlich, ein wenig schal…

 

Love Football – hate FIFA

love_football_hate_fifaBeim Gespräch mit Marlise (einer gebürtigen Brasilianerin) vor ein paar Tagen hat sie diesen Aspekt noch einmal sehr deutlich gemacht: Die Brasilianer lieben den Fußball, aber viele von ihnen (nicht alle, denn es gibt natürlich auch etliche Menschen, die von der WM stark profitieren: Bauunternehmer, Logistikfirmen, etc.) haben massive Probleme mit der Art und Weise, wie die WM im eigenen Land durchgeführt wird. Als es bekannt wurde, dass Brasilien den Zuschlag für die Veranstaltung der WM bekommen hat, war die Begeisterung noch groß. Man hoffte, dass die Milliarden-Investitionen auch dem „einfachen Volk“ zugute kommen würden. Inzwischen hat sich diese Hoffnung als sehr trügerisch herausgestellt, es profitieren mal wieder nur die, die ohnehin schon eine ganze Menge Geld in der Kasse haben.
Bei der Pointierung: „Love Football – hate FIFA“ stellt sich natürlich die Frage, ob der Fußball und die Politik (der FIFA) überhaupt noch voneinander zu trennen sind. Und wie eine solche Trennung für Fans des Fußballs aussehen könnte? Ich denke, das ist ein ganz zentraler Punkt: Lassen sich diese Phänomene in einer so heftig gewordenen Kommerzialisierung des Fußballs noch auseinander denken? Kann man als Konsument ohne jeden Blick auf die Hintergründe einer solchen Veranstaltung noch verantwortungsvoll Fußball schauen/lesen/hören? Oder ist man sofort mit verstrickt und Teil der ganzen Maschinerie?
Ich finde, dass das keine ganz leichten Fragen sind, neige aber im Moment dazu, uns Konsumenten einen Teil der Verantwortung mit zuzuschreiben. Man müsste sich nur vorstellen, was passiert, wenn niemand mehr die Spiele in der Form sehen wollte…
Keine (wenig) Zuschauer und die Verantwortlichen würden ihre Strategien sofort überdenken müssen. Solange alle weiterschauen wie bisher, kann auch alles so weiterlaufen wie bisher.

Was meint Ihr?

Zwangsräumungen für die WM

zwangsraeumung-einer-favela-in-brasilienDamit ein Großereignis wie die Fußball-WM „sauber“ stattfinden kann, wurden 170.000 Menschen zwangsumgesiedelt bzw. waren von Zwangsumsiedlungen bedroht. Hier noch ein interessantes Video zum Thema auf Youtube.

Ich frage mich immer mehr, wer die Akteure (FIFA?!) im Hintergrund sind, die mit sportlichen Großereignissen so massiv in die Politik eines Landes eingreifen und welche Interessen innerhalb der Gastgeberländer verfolgt werden, die diese Eingriffe zulassen bzw. sie sogar unterstützen. Es muss eine Reihe von Menschen geben, die eine Menge Geld damit verdienen und denen es gleichgültig ist, wenn andere Menschen massiv darunter zu leiden haben. Ist aber jetzt auch kein wirklich neues Phänomen in der Weltgeschichte, nicht wahr? Hier ein ausgezeichneter Artikel vom Deutschlandfunk, sehr differenziert, sehr klug geschrieben.
Nur, welchen Teil tragen wir als Konsumenten solcher Ereignisse mit dazu bei, dass es überhaupt dazu kommen kann? Welche Verantwortung kommt uns zu, wenn wir zu unserem Vergnügen solche Events goutieren, unabhängig davon was im Hintergrund alles geschieht? So viele Fragen. So komplexe Fragen. Tja, wir leben in einer komplexen Welt.
Heute ist Deutschland dran – ich bin immer noch überrascht, wie gelassen ich bin, dass in ca. 1/2 Stunde das Spiel gegen Portugal beginnt und es nicht sehen werde. Stattdessen spiele ich mit Freunden Boule und bin dankbar für diese Form der Unterstützung meines Boykotts! 🙂

Bis bald in diesem Theater, Jürgen

 

Woher stammt eigentlich der Begriff „Boykott“?

Der Begriff Boykott geht auf den in Irland lebenden britischen Hauptmann und Grundstücksverwalter C. C. Boycott zurück. Der machte sich augrund seiner übergrossen Härte so unbeliebt, dass er infolge einer 1880 von der Irischen Landliga organisierten Aktion keine Pächter mehr fand – er wurde sozusagen „boykottiert“. Dieser erste Boykott gab allen darauffolgenden ihren Namen.

Heute also der 3. Tag meines Boykotts – ich bin erstaunlich gelassen, bin aber auch gespannt auf morgen, denn da spielt die deutsche Elf. Kriegt man übrigens auch mit, wenn man es gar nicht wissen will, wird einfach überall darüber gesprochen. Wird vom Verzichtsgefühl wahrscheinlich dann ein bisschen happiger das Ganze.